Verkettung von Umständen

Posted on 2015-07-06 by fp
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Es stimmt, ich muß auch jetzt noch die Rekordverspätungen einiger Bekannter übertreffen, aber letzten Freitag habe ich mich einen großen Schritt angenähert und meine Fahrtzeit von 4,5 Stunden auf grob 9 Stunden verlängern lassen. Allerdings möchte ich mich dem reflektionslosen Chor der Bahn-Meckerer eben gerade nicht anschließen. Im Allgemeinen habe ich mit der Bahn deutlich weniger, und deutlich vorhersagbarere Verspätungen als mit dem Auto. Und ein weiteres Plus ist natürlich, dass ich dabei nicht konzentriert auf die Stoßstange des Vordermannes starren muß, sondern entspannt weiter im Buch lese, einen Text tippe, oder mich anderweitig sinnvoll beschäftige. Bahnzeiten sind für mich regelmäßig die einzigen Ruhezeiten, in denen ich nicht direkt mit Herumhetzen oder Schlafen beschäftigt bin, auch, wenn beides in der Bahn ebenfalls möglich ist.

Letzen Freitag war, wie gesagt, der Wurm drinne. Meine Strecke erfordert normalerweise zwei kurze Umstiege und insgesammt 4,5 Stunden Fahrtzeit. Und, in der Regel liegt der Schrecken eines Bahnfahrers im ersten Umstieg, denn jeder Umstieg stellt eine Möglichkeit dar, eine kleine Verspätung über ein chaotisches Ereignis (Anschluß verpasst) sprunghaft ansteigen zu lassen. Und je früher dieses Ereignis eintritt, desto höher ist die Chance, dass es zu einer unglücklichen Verkettung kommt. Am Freitag war allerdings mein letzter Zug betroffen, deshalb war ich noch leidlich entspannt, als ich in der Anfahrt auf den Umstieg eine Verspätung von 50 Minuten wahrnehmen konnte. Ich würde den letzten Anschluß also entspannt erreichen, und wäre damit dann endlich im „sicheren“ Breich in dem kleine Ursachen, auch nur kleine Verspätungen nach sich ziehen.

Allerdings kann man auch kontinuierliche Verspätungen ausbauen, und als ich am Umsteigebahnhof ankam, war die Verzögerungszeit meines Anschlußzuges schon auf 70 bis 80 Minuten angewachsen. Ich konnte also ein spannendes Rennen zwischen meinem Zug und dem Folgezug, planmäßig eine Stunde später, auf der großen Anzeigetafel im Bahnhof verfolgen.

Es gibt übrigens spannendere Dinge, weil beide Züge dann sehr schnell die Problemstelle, eine Gleisanlage war ausgefallen, so dass sich alle Züge auf dieser Hauptstrecke durch ein eingleisiges Nadelöhr fädeln mussten, lag hinter beiden Zügen. Mein Zug war erstaunlicherweise überholt worden und hing fünf Minuten hinterher. Mit einem Wartezeitkonto von gut einer Stunde kann man erst einmal bequem einen Stadtbummel machen, ein weiterer Grund, warum Innenstadtbahnhöfe eine gute Idee sind, abgesehen vom besseren ÖPNV-Anschluß.

Bei Einfahrt war der spätere Zug knapp vorne, beide Züge liefen mit minimalem Sicherheitsabstand in den Bahnhof ein und ich entschied mich an meinem angestammten Gleis stehenzubleiben. Wer möchte zwischen Gleisen herumhetzen um einen Zug zu erwischen, dessen Bistro schon seit Stunden geschlossen ist, insbesondere bei sehr sommerlichen Temperaturen. Wer weiß, was da noch so alles kaputt ist. Diese Entscheidung war, so wusste ich hinterher, nicht direkt Ankunftszeitoptimal.

Das erste Problem, das zur Herausforderung für die Weiterfahrt wurde, hatte absolut nichts mit der Bahn oder ihrem Personal zu tun, abgesehen davon, dass das Personal zur Zielscheibe wurde. Ein Fahrgast, mit einem sehr ungewöhnlichen Verständnis von Gastfreundschaft, hatte den Aufenthalt im Bahnhof genutzt um einem der Zugbegleiter seinen Unmut über das bisherige Fortschreiten der Fahrt zu kommunizieren indem er auf körperliche Ausdrücke zurückgriff. Weniger geschwollen formuliert; der „Gast“ hat dem Gastgeber Eins auf die Fresse gehauen. Der Zugbegleiter ist, den Zuggerüchten zufolge, mit einem blauen Auge davongekommen, also tatsächlich wörtlich mit einem Veilchen.

Es ist anzunehmen, dass der Zugbegleiter sich seinen Arbeitstag diesen Morgen etwas weniger aufregend vorgestellt hat. Auf jeden Fall musste jetzt erst einmal auf die Polizei gewartet werden. Ein tätlicher Angriff mit Körperverletzung ist eben auch dann nicht erlaubt, wenn der Angegriffene eine Uniform trägt und völlig unschuldig an der bisherigen Verspätung ist. Der Angreifer wird die Fahrt vermutlich nicht weiter fortgesetzt haben, was seiner Gesundheit, wenn man die Stimmung im Zug bedenkt, nur zuträglich gewesen sein kann. Insbesondere die zwei Waggons in denen die Klimaanlage unter dem Sonnendruck ausgesetzt hatte waren gefüllt mit Menschen, deren Laune durch den weiteren Aufenthalt unter der brütenden Sonne eine weitere Stunde nicht durch Fahrtwind erfrischt werden konnte.

Damit war unser Zug dann auch schon ziemlich aus dem Fahrtraster herausgefallen. Die Fahrt hatte dadurch 110 Minuten Verspätung, und die Reibungseffekte wenn ein Zug so massiv quer zum Fahrplan fährt ließen uns hoffen, dass wir die 50%ige Rückzahlung ab 120 Minuten Verspätung elegant erreichen könnten. Manchmal gehen solche Wünsche leider in Erfüllung, und wer sich den Dämon der Verspätung wünscht, sollte aufpassen, dass er nicht mehr bekommt als er eigentlich wünschen wollte.

In unserem Fall war das ungefähr 20 Minuten vor meinem Zielbahnhof eine beschädigte Oberleitung. Gewissermaßen direkt vor unserem Zug hatten Sturm oder Blitz die Strecke unbefahrbar gemacht. Und Zügen geht es dann ähnlich den Autos auf der Autobahn: direkt umdrehen ist nicht einfach möglich. Die Zugbeleiterin, der der verlängerte Stationsaufenthalt schon unendlich peinlich gewesen war, wirkte bei der Durchsage einer nun unbestimmt langen Fahrtunterbrechung geradezu fatalistisch, hielt uns aber ansonsten regelmäßig auf dem Laufenden darüber, dass die Fahrdienstleitung sich gemeldet, oder nicht gemeldet hatte, aber im wesentlichen auch nicht genau wusste wie lange es dauert, bis ein Reperaturteam zumindest eine Schiene fahrbereit bekommen würde, und wie schnell der — mittlerweile sicher beachtliche — Rückstau aufgelöst werden könnte.

Das passierte dann so grob 1,5 Stunden später, ich hatte das Zeitgefühl verloren, weil ich mich mit Schreiben und Computerspielen soweit abgelenkt hatte wie es mir möglich war. Ich hätte beinahe die Weiterfahrt verpasst, aber weiter ging es dann doch. Mittlerweile war die Schicksalsgemeinschaft im Zug eng verschworen. Zugbegleiter und Fahrgäste hatten realisiert, dass sie nicht nur das gleiche Ziel hatten, sondern eben auch nur gemeinsam dor ankommen würden. Weitere Fahrgäste die mit ihren Fäusten noch weitere Verspätungen hinzufügen wollten haben sich nicht blicken lassen.

In Summe hat die Fahrt also mehr als doppelt so lange gedauert wie geplant, dafür kostet sie am Ende nur noch die Hälfte. Das ist zwar nicht die Variante für die ich mich entschieden hätte, hätte ich eine Wahl gehabt, aber wichtig ist auch erst einmal die Ankunft. Und, auf der positiven Seite, ist die Athmosphäre in heillos verspäteten Zugen nicht unangenehm. Menschen sind in der Lage zusammenzurücken und miteinander und untereinander zu kooperieren. Eigentlich müsste man da fragen: Warum nicht immer so?

END—–