Gladiatorenkämpfe in der Arbeiterklasse

Posted on 2015-11-12 by fp
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Der Klassenkampfbegriff war eigentlich immer ein Begriff „von unten“ gebraucht wurde. Die „oberen“ Schichten der Gesellschaft hatten keinen Grund diese Terminologie zu etablieren. Weiter noch, es ist für die Herrschenden und Besitzenden kontraproduktiv, wenn die Beherrschten und Besitzlosen realisieren, dass sie untereinander mehr Gemeinsamkeiten haben als mit den oberen Schichten. Aber spätestens seit Warren Buffet den Begriff ohne Scheu in den Mund genommen hat, kann man von Klassenunterschieden reden ohne damit sofort eine unüberwindliche Barriere in der Diskussion aufzubauen — oder zumindest sollte das möglich sein.

Das bringt mich dazu heute laienhaft ein etwas politischeres Stückchen Text zu fabrizieren.

Ich habe lange geübt um mein Gehirn mit uneindeutigen Situationen klarzukommen. Ich bin nicht nur sehr gut darin geworden, ich kann Mehrdeutigkeit mittlerweile genießen und selbst erzeugen. Was ich immer noch nicht gut kann sind Situationen in denen Akteure offensichtlich unlogisch oder folgefalsch agieren. Echte Dissonanz erzeugt das in mir, wenn dies mit einer gewissen Energie und Nachdruck geschieht.

Um zu obigen Großfinanzjongleur zurückzukommen, eine der reichsten Personen, oder richtiger formuliert, eine der größten Konzentrationen von Verfügungsgewalt über finanzielle Werte auf eine einzelne Person, hat sich eben derart geäussert, dass wir natürlich gerade eine Art Klassenkampf erleben, und, dass seine Klasse, die der Reichen, diesen Kampf gerade gewinnt. Dieser Beobachtung kann ich von meiner Warte aus nur zustimmen. Sei es TPP, TTIP, Netzneutralität, Steuerpolitik und -prüfung, Erbrecht, oder allgemein die fortschreitende Konzentration von Macht und Vermögen. Piketty mag nicht unumstritten sein, aber generell gibt es wenig daran zu deuteln, dass Kapitalismus ein System der Habenden und nicht ein System der Arbeitenden ist.

Dieses System erzeugt an allen Ecken und Enden Zwangssituationen, insbesondere durch Verlagerung von Risiken von oben nach unten. War die generelle Idee früher, dass der Kapitalist mit seinen Investitionen ein Risiko eingeht, dann sorgen erwartbare Bailouts oder auch die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes dafür, dass das Geschäftsrisiko immer stärker von denjenigen getragen wird die existentiell vom Geschäftserfolg abhängig sind. Habende sind in der Lage ihre Investitionen aufzuteilen und Risiken zu minimieren. Ihr Risiko ist selten direkt existentiell, insbesondere sind die sozialen und gesellschaftlichen Hängematten für vermögende Menschen deutlich großzügiger. Arbeitende können ihre Arbeitskraft nur genau ein Mal pro Lebenszeiteinheit investieren. Der Preis der Arbeit schränkt die Möglichkeiten der Rücklagenbildung stark ein wodurch geplatzte Investitionen schnell zu existenzgefährdenden Einschränkungen führen, zumindest aber zur einschränkung der Erfüllung der Daseinsgrundfunktionen.

Deutschland einig Hängematte

Es geht in diesem Land die Mär von der bequemen sozialen Hängematte. Diese Legende wird meist von denjenigen getragen, deren Risiko diese Hängematte jemals nutzen zu müssen sehr gering ist. Und da diese Hängematte zudem als soziales Stigma wahrgenommen wird und ansonsten ausschließlich der ökonomische Erfolg zählt wird auch wenig über Ängste vor dem Abgleiten in diese Hängematte geredet. Dabei kann man argumentieren, dass es gerade diese Angst ist, die es möglich macht den Wert von Arbeit immer weiter zu drücken.

Abgesehen davon muß man positiv bemerken, dass es in diesem Land immerhin so etwas wie eine soziale Grundsicherung gibt, mögen die Bedingungen noch so harsch sein, es ist besser als ganz ohne. Und betroffen von der Angst vor der Hängematte ist größtenteils das Heer der bildungsfernen Niedriglohnarbeiter. In diesen Bereichen wird viel gearbeitet, zu oft am Existenzminimum entlang verdient und Arbeiter sind leicht ersetzbar. Je näher eine Person an diesem Lohnsektor ist, desto mehr muß sie sich, ganz natürlich Sorgen darum machen, wo morgen noch das Brot herkommt. Das einzige was wirklich einfach zu haben ist, ist der Traum von einem besseren Leben.

Der häßliche Deutsche

Bis hierhin ist eigentlich alles klar soweit. Wir könnten jetzt anfangen darüber zu sinnieren, wer wirklich Schuld daran ist, dass die turbulenten Zeiten so turbulent sind. Wir können Verschwörungstheorien über die wahren Drahtzieher hinter den Kriegen und Krisen zu suchen, aber das wird uns vermutlich nicht viel mehr einbringen als einen dringenden Bedarf an Neuroleptika. Wir können viel zielführender darüber sinnieren, wem das ganze Chaos etwas bringt. Und da landen wir ganz schnell bei der Klasse der Habenden in den neoliberal geführten Ländern um die Krise und Krieg einen gewissen Bogen machen. Deutschland ist da sicher ganz oben zu suchen; Gewinner der Globalisierung, großes Exportvolumen, Lieferant von Waffen, Hilfsgütern und Expertise. Anderen Ländern geht es sicherlich auch ganz gut damit, aber jeder fasse sich vielleicht zuerst an die eigene Nase.

Auf der anderen Seite stehen die Länder, die wirtschaftlich oder gar militärisch ins Chaos gestürzt sind: Spanien, Syrien, Griechenland, Irak, Afghanistan und wie sie alle heissen. Eine Sache die alle diese Krisen produzieren sind Menschen deren Existenz in ihrer Heimat akut bedroht ist. Ich betone explizit, dass ich den Unterschied zwischen ökonomischer Not und lebensbedrohliche Kriegsnot für marginal halte. Menschen müssen ihre Heimat verlassen weil ihre Existenz bedroht ist. Die Alternative wäre sterben. (Und in diesem Licht betrachtet ist die Verwendung des Begriffes „alternativlos“ der letzten Jahre geradezu höhnisch. Alternativlose Situationen finden sich im Kugelhagel in Syrien, im Hunger in Rumänien, aber nicht im Bundeskanzleramt.)

Nun kommen diese Menschen hierher. Und wenn sie auch vorher nicht zur Unterschicht gehörten, dann sind die Chancen groß, dass sie es mittlerweile geworden sind. Oft weniger als die Klamotten am Leib, zu Fuß über Wochen, auf mörderischen Passagen über das Meer, durch Stacheldrahtzäune, Hundesperren, Kälte, und nicht zu letzt kriminelle Strukturen die an der Not verdienen und deren moralische Integrität sicherlich fragwürdig ist, schaffen es doch einige bis nach Deutschland. Es wird schnell deutlich, warum diese Reise auch in der größten Not nur von den jungen und kräftigen Individuen versucht wird.

Hier angekommen stehen Sie dann plötzlich vor einem gröhlenden Mob, der sie allzuoft tätlich angreift und weder davor zurückschreckt Notunterkünfte anzuzünden oder selbst schwangere Frauen zusammenzutreten oder auf Kinder zu urinieren. Machen wir uns nichts vor, diese häßlichen Fratzen genießen dasselbe Wahlrecht, dieselben sozialen Privilegien wie wir alle. Und machen wir uns auch nicht vor, dass diese Gewalt nicht erst in diesem Ausmaß möglich wird durch all die „ehrbaren Bürger“ die sich völlig gewaltlos — natürlich — deutlich macht, dass die deutsche Gastfreundschaft enge Grenzen hat. Natürlich ist nicht jeder dieser Biedermänner und -frauen ein Brandstifter, aber alle machen sich zumindest in der Sache mit den Brandstiftern gemein, lediglich die Distanzierung von der Gewalt fällt graduell unterschiedlich aus. Es ist ziemlich deutlich, dass diese Zustimmung, der Alarmismus von PeGiDa, AFD und CSU erst die Atmosphäre schaffen in der Arschlöcher sich als Vaterlandsverteidiger sehen, wenn sie Bürgermeisterkandidaten mit Messern attackieren, Wohnungen (und die Menschen darin) verbrennen, und Menschen bedrohen.

[Ich verzweifle regelmäßig, wenn ich sehe wie sich die Seifert’sche Form des Einknickens vor den Forderungen der Brandstifter heute in Form der Schäuble-deMaizier-Zustimmung wiederfindet. Es ist kein Wunder, dass wir gerade so wenig von NPD, Pro-Parteien und anderen Nazis hören, die brauchen keine Forderungen stellen wenn diese gerade von etablierten Parlamentarierern umgesetzt werden.]

Verbündet mit dem Klassenfeind

Die Tragödie wird, aus meiner Sicht, dadurch vervollständigt, dass sich die große Masse der Rassisten und Aber-Rassisten, der Pegidisten, Deutschalternativen und Christsozialen, die Masse, die sich eben mehrheitlich aus Arbeitenden und nicht aus Habenden zusammensetzt, so gewalttätig und gewaltunterstützend gegen Menschen richtet, die eigentich ihre Verbündeten im Klassenkampf, ja, ihre Klassenkameraden sind.

Ich denke, und da bin ich nicht alleine, dass es die Angst vor dem Sturz in die soziale Hängematte oder noch tiefer ist, der diese Menschen auf die Straße treibt. Der schmerzhafte logische Fehler liegt lediglich in der Auswahl der Gegner. Anstatt sich gegen diejenigen zu richten, die aus ihrer Angst vor dem Absturz Gewinn ziehen, die Habenden, die ebenso zu den Krisengewinnern zählen, wie sie ein Interesse daran haben die unteren Klassen zu unterdrücken — anstatt sich also dafür einzusetzen, dass die Ursachen ihrer Angst bekämpft werden, richten sie sich gegen ihre Klassenkameraden in Not. Sie haben Angst vor der Konkurrenz der Notleidenden um die wenigen Krumen die ihnen von Oben zugeworfen werden. Und damit machen sie sich selbst zu willigen Helfern der eigenen Unterdrückung.

Eine schier unglaubliche Situation, und wenn ich hoffen würde, dass man mich auch nur anhörte, ich würde nach Dresden fahren und den Menschen meine Erkenntnis entgegenschleudern. Allein, die Angst geht so weit, dass selbst die Wahrnehmung einer gegenteiligen Argumentation in einem kuriosen Akt der Selbstzensur unterbunden wird. „Lügenpresse“ heißt der Schlachtruf mit dem sich die Masse selbst in ihre Filterblase einsperrt. Schier unglaubliche Szenen spielen sich ab, wenn Menschen sich gleichzeitig darüber beschweren nicht in den Medien representiert zu werden, das Mikrofon wegstoßen (oder den Journalisten gleich tätlich angehen) mit dem sie sich gerade diese Repräsentation nehmen könnten.

Der Klassenfeind? Es wäre vermessen würde ich behaupten ich wüsste was er wirklich denkt, es wäre Verschwörungstheorie ihm zu unterstellen er würde diese Situation weiter befeuern. Aber ich unterstelle dem Kapitalisten ein effektiver Opportunist zu sein. Und in dieser Gruppe effektiver Opportunisten braucht es dann keine Verschwörung, keinen geheimen Plan, die Situation verfährt sich leichter selbst während sich das System erhält. Die Skurilität der Alternativlosigkeit wird nur noch dadurch übertroffen, dass gerade diejenigen, die sich gerade als die besten Verbündeten ihres Klassenfeindes, als Mörtel der Klassenunterschiede erweisen, dass diejenigen gleichzeitig propagieren das System stürzen zu wollen. Die Rassisten in Dresden gerieren sich gleichzeitig als Heimatschützer und Antikapitalisten während sie den Sockel des Thrones des Kapitalisten zementieren.

Einen Ausweg? Einen Ausweg kenn’ ich nicht

…es wäre schließlich keine verfahren Situation, wenn es einen leichten Ausweg gäbe. Wir haben die unverbesserlichen Nazis, die natürlich auf ihrer Pegida-Welle reiten, wir haben eine Gruppe politischer Gestalter die ihrer Absage an ihre Gestaltungsfähigkeit sogar einen eigenen Begriff etabliert haben, eine zivilgesellschaft die um ihre eigene Existenz kämpft und breite Gräben die jeden Diskurs verhindern. Man müsste blind sein um dieses Pulverfass nicht als solches zu erkennen und naiv sähe man nicht, dass es selten die Frage ist, ob eine bereitliegende Lunte entzündet wird, sondern nur wann dies geschieht. Und wen interessiert es schon, of ein Seehofer, ein Storch oder ein Bachmann die Lunte ansteckt, oder ein Schäuble ein de Maiziere oder selbst eine Wagenknecht. Wenn das Ding knallt leiden alle, am meisten genau diejenigen, die sich wieder am wenigsten wehren können und die überwiegend genau das nicht gewollt haben.

Hoffnung? Da bleibt — wie oft — Tucholsky: Lasst uns das tausendmal Gesagte noch tausend Mal wiederholen, auch wenn die Worte schon wie Asche in unseren Mündern ist.

Ich befürchte, dass der Gedankenblitz der mich gerade nicht ereilt hat nicht bahnbrechend neu ist. Ich muß mich auf eine gewisse Art auch dafür entschuldigen, dass dieser Blog nun auch in die Nazithematik driftet. Aber bei der Betrachtung der Gesamtsituation ist mir gerade aufgegangen wie unlogisch und kontraproduktiv (für die einzelnen Teilnehmer) die ganze Pegida-Bewegung und die Ausländerfeindlichkeit in Deutschland im allgemeinen ist.

Der wesentliche Punkt ist, das Nazis, und unter diesem Begriff versammele ich verkürzend die rassistischen Glatzköpfe und Aber-Sager der Pegida, sich im wesentlichen gegen diejenigen Richten, die eigentlich zu ihrer eigenen sozialen Gruppe gehören, anstatt sich mit diesen zu verbünden.

Gegen wen oder was sollte sich dieses Bündnis bilden? Im wesentlichen diejenigen, welche die aktuelle Situation zu verantworten haben, und die ein Interesse daran haben, dass sich die Masse der Menschen nicht darauf besinnt, dass die Quelle allen Übels die ungerechte Verteilung ist.

END—–