Medien, Stadt, Bewegung: Medienwandel und kommunikative Figurationen des städtischen Lebens

Posted on 2015-12-07 by lars
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Ich war auf dem im Titel genannten Workshop, und tatsächlich war ich dort ein informationstechnischer Exot. Dazu hatte ich den Besuch in einen Familienausflug verwandelt und den väterlichen Quartiersmanager davon überzeugt, dass der Workshop auch seine Arbeit betreffen würde. Den Begriff „Figuration“ musste ich bei Wikipedia nachschlagen und dann bin ich selbst erst zum 2. Panel aufgetaucht. Wunderbare Voraussetzungen für ein gerütteltes Maß an dynamischer Diskussion, und genau dafür war die Runde von gut 15 Teilnehmern bestens gerüstet.

Ganz fremd war ich als vielseitig interessierter Informatiker dann auch nicht. Gleich im ersten Vorträgen tauchten urbane Gärten prominent als Quartiersstrukturmaßnahmen durch Graswurzelbewegungen auf, und auch Hack- und Makerspaces fanden ihre Erwähnung in der Sammlung der Quartiersbewegungen. Der anscheinend etablierte Fachbegriff der „Raumpioniere“ nahm mich dann endgültig für den Vortrag von Gabriela Christmann ein. Es ist eine Sache bei einem oder zwei Beispielen praktisch beiwohnen zu können, und eine andere Sache, über das was man als Küchentischgespräche und Wochenenden mit Gartenarbeit und Sonnenschein wahrgenommen hat, durch egozentrierte Netzwerkanalysen und strukturierte Medienanalyse eine wohlgeformte Reflektion serviert zu bekommen.

Das war unterhaltsamer als Fernsehen und spannender als Achterbahnfahren! Zur Akklimatisierung war es ausserdem angenehm entspannt zuhören zu kennen. Doch wie in einem guten Restaurant wurde nach dem leichten Aperitif die komplexe Gaumenfreude aufgefahren denn der historisch strukturierten Vortrag über den Wandel zur ubiquitären Digitalisierung von Regine Buschauer war gewissermaßen die Einleitung zur fast schon ontologischen Diskussion über Raumbegriffe und digitale Medien im Raum im Verlauf des restlichen Workshops. Das Buch „Locative Media“ der Vortragenden liegt morgen in der Bibliothek für mich bereit und ich werde mir wohl auch noch — mittlerweile eher klassische — Literatur zu „Pervasive Computing“ antun wollen. Als wenn ich noch zum lesen kommen würde.

Dies sollte nicht der erste Vortrag gewesen sein in dem der Begriff „Big Data“ prominent platziert wurde. Im wesentlichen konnte man aber eine durchaus kritische Grundstimmung gegenüber den Versprechen gigantischer Datenverwertung sein. Ich muß auch gestehen, dass ich nicht direkt überrascht war, dass der Workshop durchaus alle gängigen Buzzwords der aktuelle Zeitgeschichte abgehakt hat. Viele Nennungen, das kann man ruhig als positiv erwähnen, erfolgten dann aber gerne um sich genau von der Nutzung von Buzzwords zu distanzieren — und das ist, für sich genommen schon eine in sich widersprüchliche, und dadurch witzige, Aktion.

Kaffeepause: „Wenn die zentralen Personen in einem Netzwerk von Raumpionieren wegfallen, dann gehen meist auch die Bewegungen zugrunde.“, aber abseits von solch düsteren Prognosen gaben sich anschließend die Gastgeber die Ehre: Andreas Hepp, Sebastian Kubitschko, Piet Simon, und Monika Sowinska wollten mit ihrer Analyse von Vergemeinschaftungsorten (Beispiel Bremen) und einer diskreten Klassifizierung der Akteure punkten. Aber es ist vergleichsweise schwierig ein unverfälschtes und ausgeglichenes Bild alleine der Orte zu erhalten, denn nicht alle Bevölkerungsschichten sind ähnlich leicht zu erreichen wie das Bildungsbürgertum in der Bremer Mitte. Vielleicht hätte man an dieser Stelle den anwesenden, pensionierten Quartiersmanager aus dem fernen Bremer Osten interviewen können, aber die Forschungsarbeit war lange abgeschlossen. Letztendlich sorgte aber die Klassifizierung der interviewten Personen, z.B. Lokalisten und Zentristen, für Kritik. Ob diese Kritik jetzt im wesentlichen dadurch hervorgerüfen worden war, dass die Zeit nicht reichte um die Methode der Kategorienbildung deutlich zu machen, oder aber diese Kategorien so tatsächlich schlecht gewählt sind, kann ich nicht direkt sagen. Ich mußte mir den Einwand, vorgebracht durch die vorangehende Vortragende, im nachhinein noch einmal erläutern und bestätigen lassen.

Auch, oder gerade weil, ich selbst sehr schnell und gerne zu Abstraktion als Beschreibungsmuster greife, bleibt bei mir ein Nachgeschmack, dass die Klassifizierung von Orten und Akteuren in dieser Form noch etwas roh war. Neben den Event- und Produktionsorten bin ich nicht sicher, ob es nicht noch eine sinnvolle Kategorie für Aktionsorte geben sollte. Gerade diese Woche konnte das November Project eine Menge Presse sammeln. In Bremen selbst findet sich das Hood Training. Diese Mitmachereignisse in die gleiche Kategorie wie passive „Public Viewing”-Veranstaltungen zu werfen erscheint mir zu kurz gegriffen. Ausserdem fehlt es mir an einer Darstellung der eher kontinuierlichen Skalen der empirischen Erhebung in der sich die Cluster der Kategorien zumindest visuell leicht darstellen lassen müssten.

Interessant war aber die Erkenntnis, dass die sogenannten „Produktionsorte“, in Abgrenzung von, z.B. „Eventorten“, am stärksten Abgekapselt sind. Meiner eigenen Bemerkung, dass sich dabei Innen- und Aussensicht drastisch unterscheiden wurde allgemein zugestimmt. In Hackspaces sind die Mitglieder oft davon überzeugt, dass jedem die Teilnahme offensteht, beobachtet man allerdings Aussagen von Externen, dann ist dort eine deutliche Wissens- oder Fähigkeitshürde zu sehen.

Christoph Bieber ergänzte die rege Runde durch seine Sichtweise aus der Politikwissenscheft, und hob den inflationär verwendeten Begriff „Smart City“ als zweiter Vortragender in den Titel. Wobei ich mich auch hier gerne ein wenig beeindruckt von der umfassenden Belesenheit der Teilnehmer, die mir unter Informatikern eher selten begegnet. Hier habe ich mir mal „Code/Space“ von Kitchin und Dodge als Bettlektüre mitgenommen. Aber um die eigene Wissenschaft zu retten, ich vermute, dass nur wenige der Anwesenden sich durch einen Stapel RFC, Statistikbücher und den Tanenbaum gewühlt haben.

Ulrike Klinger hat mir die Erkenntnis mitgegeben, dass Gesellschaft durch die Akteure zur solchen wird. Durch das dazu referenzierte Werk von Donati (2011) werde ich mich aber wohl nicht durcharbeiten können.

Den Abschluß bildete mit Andreas Hepp einer der Gastgeber der anhand der Qualified-Self-Bewegung und der Makerspaces die Begriffe Pioniergemeinschaften und Bewegungen diskutierte und die Teilnehmer an solchen Bewegungen in „Interessierte“ und „Enthusiasten“ unterteilte. Ich kann die Klassifizierung wiederum nicht fundiert kritisieren, aber an diesem Punkt schlich sich bei mir das Gefühl ein, dass die Arbeitsgruppe prinzipiell sehr früh zur Entwicklung prägnanter Kategorien neigt und dabei eben die gerade vorhandene Datenbasis nutzt. Vielleicht müssen wir uns angewöhnen bei wenig etablierten Kategorien immer auch die Autorisierungsgrundlage dieser Klassifizierung mitnehmen.

Das bringt mich zum Abschluß noch zu einem interessanten Randpunkt der in der Kaffeepause mitdiskutieren durfte: der Definitionsschärfe des Grundbegriffs der ganzen Veranstaltung überhaupt: „Urbane Bewegung“. Das ist natürlich nicht meine direkte Expertise, aber anscheinend gibt es Probleme zwischen Bewegungen zu unterscheiden, die „Stadt“ nur als Hintergrund verwenden und Bewegungen, die dediziert urbane Eigenschaften zu ihrer Entstehung benötigen. Das ist insofern ganz witzig, weil der Begriff ansonsten ständig verwendet wurde. Vielleicht muß man sich mittlerweile überlegen, ob (in einer im wesentlichen urbanisierten Gesellschaft(?)) „urban“ noch eine sinnvolle Unterscheidung bietet.

Zusammenfassend, bin ich sehr froh diesen Blick über meinen Tellerrand geworfen haben zu können. Von meiner Warte aus ist es eben nicht nur wichtig klevere Algorithmen zu bauen, sondern ebenfalls einen Blick dafür zu haben, was die Auswirkungen auf die Gesellschaft die Umsetzung dieser technischen Strukturen hat. Oder auch anders herum, welche Gesellschaftsformen funktionieren mit welchen Technikformen. Stark vereinfacht, was sind die Beziehungen in diesem komplexen Stein-Schere-Papier, und welche Strukturen wollen wir schaffen um in welcher Welt leben zu können.

END—–