32c3 Notes: Das Privileg der freien Bewegung

Posted on 2015-12-29 by lars
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„Der Absturz kann sehr schnell und plötzlich kommen“, ist eine Erfahrung, die man durchaus von obdachlosen Menschen zu hören bekommen kann. Die kapitalistische, und mehr noch die neo-liberale, Gesellschaft ist in dieser Beziehung erbarmungslos. Und der Weg zurück ist schwierig und durch viele kleine Privilegien versperrt, deren Existenz man sich vielleicht erst dann wirklich bewußt wird, wenn man ein Privileg verloren hat.

Jetzt sitze ich, mal wieder, morgens um acht, am Eingang des Chaos Communication Congress in der Hoffnung auf Erteilung des Privilegs zur Teilhabe an diesem großartigen Fest der Hackerkultur. Gerade drei Wochen war es möglich sich dieses Privileg zu erkaufen, allerdings zu einem Zeitpunkt als meine Pläne für die nun gegenwärtige Zukunft noch sehr nebelig waren. Und so bin ich jetzt von der Teilhabe durch eine dünne Barriere, ein paar freundliche Türsteher und meinen Anstand diese nicht auszutricksen getrennt.

Das fehlende Privileg hat zur Folge, dass ich nun nur die Wahl habe eine ganze Reihe von anderen Privilegien aufzugeben, oder die Erlaubnis der gewünschten Teilhabe zu verlieren. Ich bin gezwungen für zwei Stunden im zugigen Foyer des Hamburger Congresszentrums auszuharren, nur wenige Meter vom Bereich der Teilhabe entfernt in dem sich privilegiertere Menschen als ich frei bewegen, konsumieren, kommunizieren und so grundlegende Annehmlichkeiten wie eine Toilette zu benutzen.

Es hilft nicht einmal den Veranstaltern, Organisatoren oder Türstehern für diese Misere die Schuld zuzuschieben, die im wesentlichen konkreten, sachlichen Zwängen folgend handeln. Zum Beispiel ist der Raum nicht nur durch Brandschutznormen beschränkt, sondern ganz einfach physisch begrenzt. Demzufolge auch die Anzahl der Eintrittskarten, die ausgeteilt werden können. Rücksichtnahme auf Menschen für mich führt dann sogar dazu, diese Eingangssituation zu schaffen, in der hunderte für eine kleine Chance auf Zutrit, zu nachtschlafender Zeit anreisen und sich stundenlang in die Schlange stellen.

Den unterprivilegiert Wartenden im Foyer sollte man noch weniger einen Vorwurf machen. Es gibt viele gute Gründe, warum man den Vorverkauf nicht genutzt haben könnte: mangelnde finanzielle Privilegien, Planungsunsicherheit, oder andere. Und alleine die Bereitschaft hier, zu diesen Bedingungen, auf ungewissen Eintritt zu harren kann Indikator eines sehr hohen Interesses an den Themen der Veranstaltung sein. Die Leute die hier stehen haben vielleicht deutlich mehr investiert, als die bereits privilegierten Menschen deren wesentliche Qualifikation darin bestand zur rechten Zeit ein paar Knöpfe auf einer Webseite gedrückt zu haben.

Trotzdem stellen sich, selbst auf einer so offen toleranten und selbstreflektiven Veranstaltung, durch die Trennung in Privilegierte und Unprivilegierte soziale Schieflagen ein. Der Privilegierte darf als Individuum handeln und wird als solches akzeptiert und behandelt. Der oder die Unprivilegierte wird eher als Teil einer Masse, die Masse derer, die im Foyer sitzen, behandelt und ist seines Privilegs zur Aktivität beraubt. Er oder Sie ist nicht in der Lage mit den Bekannten auf der anderen Seite des Zauns zu kommunizieren, kann sich nicht von der Stelle bewegen. Ihm und Ihr bleibt nur das Warten, bis eine unsichtbare Macht sich entschließt die Kasse zu öffnen. Dann darf sich die Masse als solche in die vorgegebene Richtung in Bewegung setzen um dann, per manipulationssicherer Markierung, zu Teilhaberen am Privileg gemacht zu werden.

Dann aber ist, und das ist die Teilhabe an der Hacker-Gemeinschaft, mit ihrer großartigen Ignoranz finanzieller, genetischer und sozialer Privilegien möglich. Für die kurze Dauer der Gültigkeit der Eintrittskarte, ist man Teil dieser Wunderwelt, ein aktiver Teil, wenn man dies so wählt. Eine Gemeinschaft, deren Großartigkeit sich auch dadurch zeigt, dass jetzt ein Hacker gerade einen Kaffeewagen durch die Menge schiebt und die Masse eben doch nicht einfach nur Masse ist.

END—–