Automatisierung ohne Opfer

Posted on 2016-06-13 by lars
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Der Suchbegriff Opfer der Automatisierung liefert „sofort“ eine ganze Reihe von Dokumenten in denen von gigantischen Arbeitslosenheeren geschrieben wird, deren Broterwerb durch „den Computer“ obsolet gemacht wurde. Und, in der Tat ist die Geschichte der Automatisierung eine Geschichte der Verelendung und Arbeitslosigkeit, und fast immer, wenn irgendwo ein kleiner Innovationssprung eine weitere, meist langweilige und gefährliche, menschliche Tätigkeit durch Maschinen durchführbar macht, verlieren Menschen ihre Arbeitsplätze.

Das ist alles eigentlich keine Neuigkeit. Schon die bekannteste erste Automatisierung, der Webstuhl von Jaccard war zuerst einmal eine grandiose technische Errungenschaft und vielleicht nicht direkt die Ursache für den Schlesischen Weberaufstand, zumindest, wenn man dem kurzen Ausschnitt aus der GEO folgt. Der wesentliche Aspekt wird, meiner Meinung nach, in den meisten Darstellungen über Aufstände übersehen; das Risiko gravierender Nachteile bei der Teilnahme an einem Aufstand ist vergleichsweise hoch. Niemand schließt sich einem Aufstand an, wenn er nicht davon ausgeht nicht verlieren zu können, oder nicht viel zu verlieren zu haben.

Automatisierungstechnologie hat, von seiner Definition schon, zwangsläufig die Reduktion der Arbeit zur Folge. Im nun etwas in die Jahre gekommenen Kapitalismus, führt die Arbeitserleichterung durch Automatisierung zwangsläufig dazu, dass die Verdienstmöglichkeiten der Arbeitenden reduziert werden. Der Kampfbegriff der „Rationalisierung“ beschreibt dabei entweder die Reduktion der Anzahl der Arbeiter — was dazu führt, dass weniger Arbeiterfamilien über Einkommen verfügen, oder die Reduktion der Lohnhöhe — was dazu führt, dass die Arbeiterfamilien über weniger Einkommen verfügen. Die Marge der Rationalisierung fällt den Eigentümern der Produktionsmittel zu. Die beobachtbar immer weiter aufklaffende Einkommensschere ist eine dadurch erklärbare Konsequenz.

Ich hätte erwartet, dass ein Durchbrechen dieses Musters ein gewisses Erstaunen hervorrufen würde. Wenn zum Beispiel ein Programmierer erzählt, dass er seinen Job als Softwaretester binnen acht Monaten so vollständig automatisiert hatte, dass er in den sechs folgenden Jahren weniger als 50 Stunden gearbeitet hat. Nicht einer der Artikel die ich dazu gefunden habe bemerkt diese interessante Umkehrung der Verhältnisse. Ganz offensichtlich ist es weit ausserhalb der Norm, dass jemand Arbeit automatisiert und dann selbst den Vorteil dabei hat — so weit, dass der Tenor aller Artikel (soweit nicht sowieso direkt voneinander kopiert) den Arbeitnehmer in einem schummrigen Licht darstellt. So wird sehr deutlich betont, dass der Programmierer in den sechs Jahren jegliche Programmierfähigkeit verloren zu haben behauptet und angibt bei seiner Mutter zu wohnen.

Dabei hat FiletOFish1066, so sein Reddit-Name, für sechs Jahre, sozialistische Aneignung der Produktionsmittel durch die Arbeiterklasse erleben dürfen — ohne die gruseligen Nebeneffekte des bisher erlebten realexistierenden Sozialismus.

Da ist es weitaus verbreiteter den „Arbeitgeber“ als Betrogenen zu sehen, der von seinem Arbeitnehmer um dessen Arbeitskraft betrogen wurde. Dabei, so kann man das zumindest auch sehen, wurde die eingekaufte Arbeitsleistung durchaus erbracht, nur eben nicht unmittelbar händisch durch den Arbeitnehmer. Und spätestens hier ist es vielleicht sinnvoll sich umzudrehen und sich zu fragen, in welcher Welt man eigentlich leben will: eine in der man für eigene Leistung durchaus belohnt wird — oder eine, in der sich die Ausschüttung hauptsächlich am Eigentum orientiert.

Und spätestens an dieser Stelle müssten mir die deutschen Liberalen plötzlich die Tür einrennen, denn faktisch habe ich deren letzten oder vorletzten Wahlslogan wiederholt. Wobei, mit den obigen Gedanken im Hinterkopf wirkt „Arbeit muß sich wieder lohnen“ aus dem Mund eines Wirtschaftsliberalen wie Satire.

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