Mensch sein

Posted on 2017-01-06 by lars
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Im Zug zur Arbeit sitzend ärgere ich mich über mich selbst: Ich habe eine Gelegenheit verstreichen lassen mich als Mensch zu zeigen, und ich schäme mich dafür. Heute ist es erbärmlich kalt, die wenigen Pfützen sind hart gefroren, der Fluß dampft und beim Radfahren schmerzen selbst die behandschuhten Hände. Ich bin fast panisch aus der Kälte in den Bahnhof geflohen um dem Schmerz endlich zu entgehen.

Aber, auf dem Hinweg bin ich an einem Mann vorbeigeradelt, der nur mit dünner Isomatte und dünnen Schlafsack bewaffnet auf dem Bürgersteig saß und seine Hände ohne Handschuhe wrang und stöhnte, ich nehme an, aus dem gleichen Grund aus dem ich auf dem Rad ebenfalls stöhnte. Es war, mit dem ersten Blick des Freizeit-Abenteurers mit umfassender Outdoor-Equipment Shopping-Erfahrung, ersichtlich, dass die Ausrüstung der Witterung in keiner Weise angemessen war. Es war ebenso deutlich, dass diese Ausrüstung alles war, was dieser Mann besaß. Hier litt jemand existentiell an Kälte und nicht aus selbstgewählter Abenteuerlust.

Und obwohl der Gedanke: „Halt an! Gib dem Mann einen Zehner und rette damit ein Leben“ fast sofort in meinem Kopf war, bin ich meiner Morgenroutine gefolgt und zum Zug gerast. Ich kann nicht einmal für mich behaupten, dass ich in Eile gewesen wäre, ich war an diesem Morgen sogar früher als gewohnt. Und selbst, wenn ich den Zug verpasst hätte, wer rechnet eine halbe Stunde Verspätung gegen ein Menschenleben?

Sicherlich, alles Geld, dass ich in der Tasche habe, oder jedes beheizte Krankenhaus, bringen diesem Mann vielleicht nur einen weiteren Tag. Selbst in meiner Wohnung könnte ich nicht beliebig viele Menschen unterbringen. Und, vermutlich wird jeder Verständnis haben, wenn man den Komfort den es mit sich bringt, dass man nicht noch eine vierte, unbekannte Person kostenfrei in seiner 3-Zimmer-Wohnung unterbringt.

Aber, wenn man der Realität ins Auge blickt, aktuell sterben Menschen dort draussen an Unterkühlung, weil sie, aus vielfältigen Gründen, nicht einmal ein Dach über dem Kopf haben. Sie sterben nicht irgendwo, sondern mitten unter uns, neben unseren Hauseingängen, auf Abluftgittern und in den Parks in denen wir die klare Winterluft genießen. Sie sterben in einem der reichsten Länder der Erde, in einem Land mit Rettungsleitern an allen Häusern, sicherheitsgeprüften Topflappen und Warnungen vor heissem Kaffee.

Wenn wir da nicht einmal fünf Minuten und zehn Euro aufwenden um einem Menschen einen weiteren Lebenstag zu ermöglichen, was sagt das über uns?

END—–