Strafvereitelung im Priesteramt

Posted on 2019-02-06 by lars
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Ich stelle mir das als eines der schlechtesten Tatort-Skripte vor die wir bisher gesehen haben. Nachdem die Polizei monatelang Gerüchten nach Mißbrauchsfällen nachgespürt hat, und endlich das lokale Kloster als Tatort identifiziert hatte, konnte der leitende Bischof ins Polizeirevier eingladen werden. Der Ermittlungsbeamte versucht den unangenehmen Punkt vorsichtig anzusprechen, um die Kooperationswilligkeit nicht zu gefährden.

Kommissar: Herzlich Willkommen und vielen Dank, Hochwürden, dass sie es einrichten konnten. Sie können sich vielleicht schon denken was ich mit Ihnen bereden muss.

Hochwürden: Guten Tag. Aber, vielleicht darf ich fragen, ob wir das nicht alles schon besprochen haben? Das liegt doch schon lange zurück.

K: Sicherlich Hochwürden, ich möchte mit Ihnen auch nicht über diese alten Geschichten reden. Das ganze Foltern und verbrennen von Menschen, das ist ja sprichwörtlich Geschichte. Und ihre Organisation hat sich seit dem ja erneu… also, Sie haben umstrukturie… ich meine,… das Personal ist ja seitdem vollständig ausgetauscht worden.

[er ist sichtlich froh da eine Gesprächsklippe irgendwie noch umschifft zu haben]

K: Die äh… Betreffenden sind ja nun auch schon lange tot.

H: Gott sei ihrer Seele gnädig!

K: Äh… Genau. Oder so. Ich möchte mit Ihnen über deutlich jüngere Ereignisse sprechen. Uns ist zu Ohren gekommen, dass…

[H unterbricht]

H: Das mit den Ministranten? Ja, schrecklich. Mea culpa! … Oder, hatten wir uns da nicht schon entschuldigt?

K: …

H: Wie auch immer, wir hatten doch damit abgeschlossen, oder? Die Kinder sind entschädigt worden.

K: Ja, Ja. Auch darüber wollte ich nicht mit Ihnen reden, Hochwürden. Die Beschuldigten…

H: irregeleitete Schäfchen

K: … haben sie ja selbst bestraf… ausser Lan…

H: strafversetzt und Gott wird gerecht über sie urteilen!

K: …genau… Äh… [er wirkt etwas verstört und langsam auch etwas ungeduldig]

K: Um zum Punkt zu kommen. Wir sind in den letzten Wochen Hinweisen zu sexuellem Mißbrauch an erwachsenen Frauen nachgegangen. Wir konnten tatsächlich ermitteln, dass es sich um mehrere Fälle handelt bei denen die Tatorte regional verteilt sind. Die Vorfälle hängen vermutlich zusammen.

H: Das ist schrecklich. Konnten sie den Täter ermitteln?

K: Es handelt sich nicht um einen Einzeltäter, vielmehr um eine Gruppierung von Einzelfällen. Die Opfer sind jeweils immer Angestellte Ihrer Klöster…

H: Sie meinen Bräute Jesu?

K: Äh, ihre Nonnen, ja. Ebenso wie die Täter anscheinend,

H: Frauen?

K: Nein! Die Täter sind männlich. Zumindest in den Fällen in denen wir sie ermitteln konnten, männliche Angestellte in Ihren…

H: Meinen Sie unsere Pastoren und Mönche?

K: Es ist mir etwas unangenehm, aber ja. Anscheinend gibt es in ihrem Bistum einen systematisch erscheinenden Mißbrauchsring… [etwas leiser:] also noch einen. [wieder normal] Die Ermittlungen sind sehr schwierig. Wir laufen wiederholt gegen eine Mauer des Schweigens. Täter, und auch Opfer, schweigen meistens zu den Tathergängen. Ich hatte gehofft, das Sie…

H: Herr Kommissar! Natürlich können Sie mit meiner vollen Unterstützung rechnen.

[freudig erstaunt, dass das so leicht scheint] K: Das freut mich zu hören. Vielleicht können Sie die Zeugen bewegen mit uns zu re…

H: Das wird alles nicht nötig sein. Wir kennen das Problem und arbeiten schon an einer Lösung. Sie können uns da vertrauen.

K: [erstaunt] Sie wissen davon?…

H: Ja, ja, natürlich.

K: [mit angestrengter Zurückhaltung] Und Sie haben es nicht für nötig befunden die Polizei…

H: Sie müssen uns vertrauen! Wir kümmern uns darum, das Problem besteht schon lange. Auch mein Vorgänger wusste das natürlich schon!

[hochgezogene Augenbrauen, Ungläubigkeit] K: Ihr Vorgänger?…[zögert] Wollen Sie sagen, sie wissen von den Vorfällen schon länger?


Einwurf: hier hatte ich beim Lesen der Meldung schon im Teaser meinen WTF-Moment. Abgestumpft von den bisherigen Deckelungen der bisherigen Mißbrauchsfälle konnte man keine Überraschung mehr empfinden. Aber, dass in einer Nachricht, so ganz nebenbei, erkärt wird, dass das Problem schon mehr als eine “Dienstzeit” bekannt ist und “dass es noch immer gemacht wird”, dass hat mich irgendwie aus der Bahn geworfen.

Da habe ich mich direkt gefragt, warum das eigentlich so normal sein darf in einer Kirche? Muß man eigentlich nur eine Religion gründen, damit man, essentiell so was wie einen Prostitutionsring, wenn nicht betreiben, so doch strafvereitelnd decken darf? Reicht es aus zu behaupten, man sei der Stellvertreter irgendeiner göttlichen Macht und damit sind dann auch alle Angestellten oder durch irgendein Ritual aufgenommene stellvertretende Stellvertreter von Strafverfolgung geschützt?

Ist der Benedikt, formerly known as Ratzinger, nicht, mindestens auch, deutscher Staatsbürger? Kann der noch in Deutschland einreisen ohne, dass er diplomatische Immunität geltend machen muss um nicht in Untersuchungshaft zu landen?

Ist sexueller Mißbrauch nicht irgendwie auch ein Offizialdelikt? Müsste da nicht direkt einfach mal irgendwo eine Ermittlung eingeleitet werden? Scheitert das daran, dass kein Staatsanwalt wirklich weiß ob er für eine so große Organisation überhaupt zuständig ist? Müsste man da nicht zumindest mal Vorermitteln? Da drängt sich doch sicher irgendwie ein Anfangsverdacht auf, bei einer Organisation mit der Vorgeschichte? Oder passiert sowas in der Kirche nur ausserhalb des deutschen Staatsgebietes?

Ich kriege die Tür irgendwie nicht mehr zu.


[Im Nachbarbüro stellt ein fürsorglicher Kollege schon die Blutdrucktabletten bereit.]

H: Vertrauen Sie in Gott!

K: Wir reden hier nicht von Einzelfällen!

H: Sehr bedauerlich, ja.

K: Die Frauen…

H: Der Herr ist ihr Hirte!

[lauter] K: Die Frauen wurden teils über Jahre von verschiedenen Männern, an verschiedenen Orten gezwungen. Sie wurden bedroht, damit sie schwiegen. Die Männer…

H: Verführt durch teuflische Versuchung. Selbst unsere Pastoren sind nur fehlbare Menschen. Wie müssen sie gelitten haben unter ihrer eigenen Schwäche, dem Teufel im Fleische nicht versagt zu haben.

[völlig perplex] K:

H: Wir haben das schon abstellen wollen, die haben aber nicht aufhören wollen ihre Ficksklaven zu halten. Da waren wir machtlos. Das müssen wir so benennen.

K: …

[Der Polizeichef kommt herein, entschuldigt sich unterwürfig beim Bischoff und geleitet ihn zur Tür, wo der Bürgermeister wartet um sich auch noch mal für die Unanehmlichkeiten zu entschuldigen, bevor der Ministerpräsident des Bundeslandes anruft um dem Bischoff sein Vertrauen auszusprechen und “es wird sich schon alles richten, wenn wir zusammenarbeiten”. Der Kommissar bleibt verdutzt zurück, Abspann]

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