Willkommen c3Si

Posted on 2019-02-14 by inj4n
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Vor nun fast 110b Jahren stand auf dem Chaos Communication Camp, fast zufällig, eine Gruppe zusammen um festzustellen, dass in der äusserlich unscheinbaren Stadt Siegen ein Hackspace fehlt. Der HaSi ist seitdem eine Landmarke in Siegen und im Chaos Computer Club geworden. Wöchentliche Vorträge, Bastelprojekte und Jugendarbeit haben den Hackspace innerhalbs Siegen bekannt gemacht. Die Beteiligung am Chaos West und regionalen und überregionalen CCC-Veranstaltungen sorgen dafür, dass der HaSi ein fester Teil der großen Chaos-Familie geworden ist.

Heute gründet sich der C3Si mit dem Anspruch der offizielle Ableger des CCC in Siegen zu werden. An sich, ein entsetzlich bürokratischer Akt, der eine der Voraussetzungen ist, um innerhalb der — ebenso entsetzlichen — “Chaos-Bürokratie” die Leiter zum Erfahrungsaustauschkreis zu erklimmen. Warum ist das sinnvoll, wenn es in Siegen doch schon diesen wunderbar etablierten Hackspace gibt?

Es ist sinnvoll, weil der CCC mehr ist als ein Verein in dem Hobbiisten an technischen Spielereien tüfteln. Es ist sinnvoll, damit sich das Chaos in Siegen entwickelt, vom Bastelkeller zur gesellschaftlich aktiven Organisation.

Der Chaos Computer Club selbst hat sich in seiner Geschichte ähnlich weit entwicklet. Vom kleinen Freak-Verein, der was tun wollte, hin zu einer technischen, aber auch ethischen und politischen Instanz in Deutschland. Aber der CCC überstrahlt auch die Staatsgrenzen, und wird damit dem Anspruch gerecht alle Hacker, unabhängig von ihrer Herkunft zu vereinen. Und seit einigen Jahren zeigt Constanze die Mitgliederentwicklung dann eben auf einer Weltkarte. Und wenn die Raketenbauer im Clubumfeld irgendwann erfolgreich sind, dann wird problemlos die Sternenkarte ausgepackt werden.

Wie konnte das passieren, dass ein Haufen von Menschen mit wirren Haaren und beschränkter Achtung vor Authoritäten nicht nur weit über die Grenzen der Freakszene bekannt geworden sind, sondern einen bedeutenden Ruf für technische und ethische Kompetenz in fast allen Schichten der Gesellschaft geworden ist? Abseits von der verteilten Organisation die immer und überall nur durch die Initiative ihrer Mitglieder existiert. Ist ein wesentlicher Faktor vermutlich, dass die Menschen im Club sehr konsequent moralisch handeln. Angefangen von “Open Source” und kleinen Hackereien hat sich im Club eine Kultur entwickelt, welche die Ideen von Offenheit und Toleranz aus den technischen Bereichen konsequent weiter in die Gesellschaft getragen hat.

Heutzutage beteiligt sich der Club an Initiativen zur Informationsfreiheit, Datenschutz und anderen Themen mit Technikbezug. Mitglieder des CCC beraten, explizit in diesem Vereinszusammenhang, als Experten in Ausschüssen und Gremien, werden in der Presse als Experten interviewt, wenn sie nicht selbst publizistisch Tätig werden. Und, die Meinung des Clubs wird wahrgenommen. Wenn Behörden Testseiten für Opfer von Kompromittierten Passworten oder Schadcode anbieten, dann laufen die Mailinglisten des CCC mit Anfragen über. Einer Aussage des Clubs zur technischen Sicherheit wird oft mehr Vertrauen geschenkt als den Behörden.

Dieses Vertrauen ist lange und langsam gewachsen, weil der Club sachbezogen arbeitet, sich seine politische und finanzielle Unabhängigkeit bewahrt hat und pflegt. Diesen Kriterien müssen natürlich auch alle Teil des CCC erfüllen.

Aber, das Clubleben hört eben nicht an dieser Stelle auf. Die Streitkultur innerhalb der Chaos-Familie ist ebenso ausgeprägt, wie die Kultur wechselseitigen Respekts und eine Mentalität der solidarischen Hilfe. Während das Bild des Hackers nach aussen eher dem eines düsteren Tricksters entspricht, ist die Athmosphäre im Club geprägt von wechselseitigem Vertrauen. Man könnte sich wie ein Arschloch verhalten, aber dann wäre man halt auch eines, und darum macht man das eben nicht. Spieltrieb und Neugierde werden hochgehalten, aber, es ist als hätte Rosa Luxemburg es den Hackern ins Gehirn gepflanzt, das Freiheit immer auch die Freiheit des Andersdenkenden ist.

Anders denken ist gewissermaßen der Kern des Hackens. Es ist da wenig verwunderlich, wenn dadurch ein gewisses Maß an Misstrauen zu Autoritäten im Allgemeinen entstehnt, an deren Sockeln das Querdenken letztlich immer wackeln muss. Die Gemeinschaft der Hackenden steht dem konventionellen Gebrauch von Technik ebenso kreativ im Widerspruch gegenüber, wie oft auch gesellschaftlichen und politischen Denkmustern — insbesondere wenn diese in sich nicht vereinbar mit ethischem Handeln sind. Sowieso ist es vermutlich vielen Hackern fast schon angeboren mit beinahe naiv konsequenter Logik den Finger in die Wunden zu legen, über welche “the powers to be” gerne das Mäntelchen des Schweigens gebreitet hätten.

Sei es nun eine technische Schwachstelle, wie der legendäre HASPA-Hack, über die lange totgeschwiegene Probleme adressiert werden. Oder sei es die Beteiligung an Initiativen zu Informationsfreiheitsgesetzen, Bundeswanzen oder Wahlcommputern — der innere Spalt zwischen Ideal und Realität hat aufgedeckt, nutzbar gemacht und schließlich geschlossen zu werden. Am Ende ist es nicht nur das Spiel an den Grenzen des Machbaren, sondern auch der Tanz in den Untiefen der Umsetzung, technisch und gesellschaftlich, die einen guten Hack zu einem Vergnügen.

Irgendwie hat sich diese Hack-Gemeinschaft in den letzten 30 Jahren dann nach und nach organisiert. Dass dabei eher robuste, dezentrale Strukturen befördert werden, sollte bis hier wie eine weitere logische Konsequenz erscheinen. Die große Konstruktion ist stabil, weil die einzelnen Teile für sich genommen schon funktionieren und dabei, ganz wesentlich, miteinander interagieren. Und jetzt sollte niemanden überraschen, dass dieses Prinzip sich ebenfalls wieder sowohl über die Technik, soziale und organisatorische Strukturen erstrecken kann.

In diesem Sinne ist es nicht nur sinnvoll, sondern nur konsequent, wenn sich die chaosnahen Individuen in Siegen jetzt eine Struktur geben, in der sie als eine Gemeinschaft besser agieren können. Damit wird eine Lücke gefüllt, die im HaSi schön öfter als inoffizielle Institution aufgetreten ist, die aus der Chaosgemeinschaft bisher unvollständig auf das HaSi abgebildet werden konnte. Dabei muss, kann und darf ein Hackspace, wenn er seine Offenheit für alle so erhalten möchte wie das HaSi sich nicht an einen großen Club binden, nicht einmal, wenn es sich dabei um eine so anarchisch exzellente Gemeinschaft handeln mag wie den CCC.

In diesem Sinne: Willkommen c3Si in der Chaosfamilie. Vergesst bei all dem bürokratischen Feuerwerk nie warum ihr das alles tut und habt immer eine handbreit Entropie in euren Zufallsspeichern.

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