Fundamentalkritik der Harmonie

Posted on 2019-04-28 by lars
Send us your comments.

Disclaimer:
Teile meiner Mitwelt (danke Harald Lesch) leiden unter meiner Harmonieallergie. Diese drückt sich dadurch aus, dass ich in Situationen in denen ich eine „Beschönigung der Realität” wahrnehme, sei es in direkter oder indirekter Kommunikation, innerlich sehr unruhig werde. Das ist in etwa mit einem Jucken zu vergleichen, nur, dass ich dieses eher nicht an der Hautoberfläche spüre, sondern tiefer in mir drinne. Meine Mitmenschen bekommen dies dann hauptsächlich dann mit, wenn ich aufgeregt im Raum auf und abgehe, gestikulierend Selbstgespräche führe und gelegentlich sehr harsch antworte. In den letzten Jahren habe ich gelernt mich in solchen Situationen „in mich” zu kehren. Ich werde dann sehr — sehr — ruhig und nehme nur noch sehr beschränkt an Gesprächen Teil. Ich kann nicht behaupten, dass ich darunter leide, auf eine gewisse Art kultiviere ich das sogar.

Deshalb war ich mir nicht ganz sicher, ob ich in meiner (fast automatischen) Ablehnung nicht deutlich Allergiegesteuert reagiert habe, als mir Webseiten weiterempfohlen wurden, die ausschließlich positive Nachrichten veröffentlichen. Aber heute hatte ich vielleicht die Erkenntnis mit der ich dieses “Weisser-Hai”-Unwohlsein begründen kann, dass mich dabei überfallen hat, als ich Seiten der journalistischen Strömung betrachtete, die sich optimistisch “positiver Journalismus” nennt.

Kurzer Hinweis: “positiver Journalismus” muss hier deutlich getrennt vom “konstruktiven Journalismus” gesehen werden. Denn, während letzterer darauf abzielt Nachrichten grundsätzlich ausgewogener darzustellen, indem neben den Problemen eben immer auch Lösungswege aufgezeigt werden, blendet der “positive Journalismus” Probleme kurzerhand aus. (Und wenn da bei euch nicht spätestens jetzt die Kopfhaut von innen anfängt zu Jucken, empfehle ich eine Sensibilisierungstherapie um eine solide Harmonieallergie auszubauen.) Das erste offensichtliche Problem ist natürlich, dass durch das Ausblenden nicht nur keines der existierenden Problem verschwindet, die Beschäftigung mit den Problemen wird behindert, beziehungsweise — mangels Information — unmöglich.

Und dabei bin ich ein großer Fan der ersten und größten deutschsprachigen Seite für positive Nachrichten. Der Postillion verbreitet seit Jahren fast ausschließlich konstruktive und positive Nachrichten. Dabei lassen sich die Autoren in keiner Weise von der Realität einschränken. “Impfgegner entwickeln erste Impfung, die gegen Impfungen immunisiert” — ist nur eine beliebig herausgezogene Schlagzeile, die direkt als Muster für positive Berichterstattung dienen kann. Wie bei den Konkurrenten der positiven Nachrichten finden sich hier ausschließlich “gute”, aufmunternde Berichte — aber anders als diese — die ich hier alleine deshalb nicht verlinke, weil ich nicht direkt damit in Verbindung gebracht werden möchte, hält der Postillion nicht damit hinterm Berg, dass der Ansatz als Satire zu verstehen ist.

Auf der nicht verlinkten Konkurrenz fällt es schwerer wahrzunehmen, dass die Autoren ihre Seite als Satire verstehen. Im Gegenteil. Der aktuelle Aufmacher mit dem Titel „Obdachlosenquote auf 0% gesunken" könnte genau so im Postillion auftauchen. Aber die Autoren hatten anscheinend Mühe sich mehr als einen positiven Satz zu diesem Thema einfallen zu lassen. Der Leser muss selbst recherchieren um festzustellen, dass sich der Artikel auf ein Kleinstädtchen mit gut 60.000 Einwohnern bezieht. Als eines der größeren Erdgasvorkommen in Kanada, hat die Stadt, die sich eben auch “The Gas City” nennt, einen deutlichen Vorteil beim senken der Arbeitslosenquote.

Das interessanteste Problem der positiven Nachrichten ist allerdings zu beobachten, wie sich hier selbst gute Nachrichten in ihr Gegenteil verkehren. Wenn man nämlich die Frequenz und die Belanglosigkeit der veröffentlichten Artikel betrachtet. Dann sollte einem nämlich auffallen, dass es anscheinend einen Mangel an echten positiven Nachrichten zu den drängenden Problemen der Welt gibt. Wenn eine Schlagzeile über eine wohltätige Frau, die während des Winters in Chicago Wohnungen für Obdachlose angemietet hat sich über 4 Monate ganz oben auf der Webseite hält, dann hat es anscheinend in der Zwischenzeit keinen Vorfall gegeben der mehr als 60 Personen ausreichend positiv das Leben beeinflusst hat. Wenn ich das dann mal kurz mit den drängenden Problemen der Welt vergleiche und schaue, was es so an negativen Nachrichten gab, dann ist dieser Mangel an guten Nachrichten umso offensichtlicher ein Indikator dafür wie mies die Dinge stehen. Denn, hätte nicht gerade eine Nachrichtenseite die sich auf positive Nachrichten spezialisiert, irgendeine positive Entwicklung zum Klimawandel, den Brennstäben in Fukushima, dem Welthunger oder den vielen Kriegen übersehen?

Ich bin, wie öfter mal, an dieser Stelle froh, dass die Antwort darauf zu einem guten Stück weit die Unfähigkeit der Betreiber dieser positiven Nachrichten ist. Denn in der “normalen” Presse (und etwas satirisch versteckt sogar im Postillion) finden sich zu diesen Themen durchaus auch positive (Teil-)Entwicklungen. Aber, dort finden sich eben auch die Analysen der — ebenso teilweise — beängstigenden, empörenden, unsäglichen und deprimierenden Probleme unserer Zeit. Und manchmal sind finden sich dann selbst in den unangenehmsten Nachrichten auch ernsthaft komisch Momente, wie der Sultan von Brunei, der um Toleranz für seine absolut intolerante Todesfolter (von Strafe möchte ich bei “Steinigung” nicht mehr sprechen) einfordert. Man fragt sich, ob dieser Despot nicht ehrlicher mit einer roten Clownsnase auftreten sollte.

Update Ich muss natürlich zugeben, dass die Definition zu “positiver Journalismus” auf Wikipedia etwas weniger verdammenswürdig erscheint als mein oben gezeichneter Verriss. In Bezug auf die nicht verlinkte Seite muss man dann aber anmerken, dass diese — trotz ihres Titels — eben keinen positiven Journalismus (nach der Beschreibung auf Wikipedia) darstellt. Ich könnte jetzt grübeln, welcher Teil der Definition nicht zutrifft, oder vereinfachend erklären, dass “positiv” durchaus eine treffende Bewertung der aufgeführten Texte ist.

EOF–